17.03.2013 NILS FRAHM (D)

17.03.2013 NILS FRAHM (D)

Bilder: Thomas Hohlbein & Jan Kubon
Eintrag: Axel Fichtmüller

Von Klobürsten und Schrauben
Magdeburg (Kulturhistorisches Museum), 17.03.2013

Liebes Songtagebuch,
lange habe ich vor dir gesessen und überlegt, welche Worte denn nun angemessen wären, das Erlebnis im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums zu beschreiben. Intensiv, atmosphärisch, skurril, Pink Floyd-esk und klangvoll treffen zwar im Kern auf das zu, was der Pianist Nils Frahm dargeboten hat, aber das fasst es dennoch nicht ganz. Noch am ehesten würde ich mich auf dieses Adjektiv einigen: magisch.
Der Kaiser-Otto-Saal ist groß. Ein Großteil des bunt gemischten Publikums schaut sich zuallererst nach allen Seiten um, bevor ein angemessener Sitzplatz auserwählt wird. Die hohe Decke mit der gewölbten Glasfläche, die großen historischen Wandbilder und der Magdeburger Reiter an der Stirnseite des Raumes – all das schafft einen beeindruckenden Rahmen für ein Konzert und steht in Kontrast zu der „Insel“ gegenüber des Eingangs.

Viele Besucher, die sich noch nicht hingesetzt haben, stehen davor und betrachten ein wenig verdutzt den Aufbau vor sich. Gleich drei Tasteninstrumente stehen dort auf einem großen Teppich: Ein großer schwarzer Flügel, ein „kleines hässliches Klavier“ (Zitat: Nils Frahm) und ein E-Piano. Außerdem hölzerne Kisten mit Schaltern, Knöpfen und Hebeln; darunter Kabel von zahlreichen Mikrofonen und ein MacBook. Eine nostalgisch-angestaubte Stehlampe und drei übergroße Glühbirnen auf langen Metallständern komplettieren das Bild von der „Licht-und-Klang-Insel“.

Dann legt sich langsam das erwartungsvolle Flüstern im Saal. Der Kurator der Songtage, Jan Kubon, richtet ein paar wenige, dafür sehr persönliche und Respekt bekundende Worte an das Auditorium, bevor die schlanke Gestalt von Nils Frahm vor seine Instrumente tritt. Ein wenig hibbelig steht er da, mit hochgekrempelten Jeans unter denen rot-weiße Ringelsöckchen hervorlugen. Nebenbei erzählt er die Geschichte von seinem gebrochenen Daumen – eigentlich das Todesurteil eines Pianisten. Dass er daraufhin bei einem Einkauf in einem bekannten schwedischen Einrichtungshaus mit zwei Klobürsten zurückkam und diese zum Spielen auf den Saiten verwendet hat, unterstreicht nur seinen Status als Avantgardist.

Was daraufhin folgt, erwischt mich allerdings vollkommen kalt, da ich scheinbar mit der vollkommen falschen Erwartungshaltung an das Konzert herangegangen bin. Die um die „Insel“ herum aufgestellten Strahler beleuchten jetzt nur noch den großen Flügel und man sieht die Silhouette Frahms mit flinken Fingern einige Knöpfe an den Effektgeräten drehen, bevor er mit Streichbewegungen und Klopfen auf die Saiten dem Instrument Töne entlockt, die man nie mit diesem assoziieren würde. Tatsächlich klingt es eher nach Trommeln.

Die Akustik des Kaiser-Otto-Saals ist fabelhaft. Nichts hallt unangenehm. Kein Ton verschwindet ungehört. Und es ist vor allem laut, wodurch aber das Erlebnis noch viel intensiver wird. Man ist nicht nur bei der Musik, sondern vielmehr in der Musik. Nicht wenige lauschen zwischendurch mit geschlossenen Augen, um sich ganz allein bei den großartigen Arrangements Frahms zu fühlen – insbesondere bei den filigranen Stücken „You“ und „Sol“.

Aber auch mit geöffneten Augen ist das Konzert wegen des stimmungsvollen Lichtambientes nicht minder atmosphärisch. Die eingesetzten Strahler, das warme Licht der Glühbirnen und deren Anordnung akzentuieren jedes einzelne Stück des Pianisten, welcher immer wieder die Positionen wechselt, Knöpfe betätigt, an zwei Tastaturen gleichzeitig spielt und seine Klangwelten immer wieder neu gestaltet. Einige der sehr atmosphärischen Abschnitte haben einen gewissen Pink Floyd-Charakter und wirken auch hier wegen der Lichttechnik umso intensiver – irgendwie auch entrückter.

Es ist bemerkenswert, einem solchen Virtuosen zuschauen und zuhören zu dürfen. Frahm taucht mit jedem Titel immer wieder ab. In die Musik. Uns, das Publikum, nimmt er mit. Es sind kraftvolle, persönliche und einfach magische Momente. Zwischendurch erleben wir dann den höflichen und sympathischen Menschen mit seinen Geschichten. Dann streift er kurz das Gewand eines Profis ab und erzählt vom Sturz seines Hochbetts, dass er sein 9-Finger-Album „Screws“ aus dem Grund kostenlos zur Verfügung gestellt hat, weil er für eine solche Schlamperei kein Geld verlangen könne und von verrohten Ärzten. Wenn Frahm dann wieder an den Tasten sitzt, ist er ganz in der Musik und wir dürfen daran teilhaben.

Magdeburg kann stolz auf diese Chance sein, welche die Kulturarbeit des Songtage e.V. hier ermöglicht hat. Es war ein magischer Abend.

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